Um die Grundlagen der Psychodramaturgie besser verstehen zu können, kann es nützlich sein, zuerst den Verlauf eines Kurses zu lesen:

Siehe Kursverlauf

Die Merkmale der Psychodramaturgie

Die PSYCHODRAMATURGIE LINGUISTIQUE (P.D.L.) wird seit 1977 von Dr. Bernard Dufeu, Universität Mainz, in Zusammenarbeit mit Marie Dufeu, Centre de Psychodramaturgie Mainz, entwickelt. Ihre theoretischen Grundlagen und ihre Praxis werden seitdem ständig erweitert und vertieft.

Die Psychodramaturgie verdankt ihren Namen dem Psychodrama und der Dramaturgie, von denen sie einige Erkenntnisse und Verfahren übernommen hat, die den Spracherwerb fördern, und die dem Fremdsprachenunterricht angepasst wurden. Es wird weder Psychodrama noch Theater in der PDL durchgeführt.

Erleichterung

 

Anwendungsbereiche

Die Anwendungsbereiche der Psychodramaturgie haben sich im Laufe der letzten zehn Jahre erweitert:

Ursprünglich wurde sie für Erwachsene konzipiert, sie wird heute immer öfter bei Kursen für Kinder und Jugendliche eingesetzt (im extensiven Unterricht und im Rahmen von Projektwochen).

Die Psychodramaturgie wurde in den ersten Jahren ihrer Entwicklung vor allem in Gruppen benutzt, heute werden ihre Techniken und Verfahren auch im Einzelunterricht erfolgreich angewandt.

Anwendungsbedingungen

Die Psychodramaturgie ist nicht nur als Gesamtansatz entwickelt worden, sondern sie soll auch dazu beitragen, das Angebot im Fremdsprachenunterricht allgemein zu verbessern. Aufgrund dieser beiden Ziele bietet sie zwei Anwendungsmöglichkeiten:

In ihrer Grundausführung wird die Psychodramaturgie als einheitliches Unterrichtskonzept benutzt. Dazu werden Intensivkurse (zwischen drei und sechs Stunden pro Tag) über eine oder mehrere Wochen oder an Wochenenden empfohlen. Die ideale Gruppengröße liegt in der ersten Intensivwoche zwischen 8 und 12 Personen (einige Trainerinnen arbeiten mit größeren Gruppen). Die PDL kann mit einer Trainerin oder in einem Zweierteam angewandt werden.

Eine punktuelle Anwendung von PDL-Übungen und Verfahren ist in anderen Unterrichtskontexten (Extensivkurse, größere Gruppen) möglich. Sie können zum Beispiel einen Unterricht bereichern, der mit einem Lehrwerk durchgeführt wird. Auf dieser Weise erweitern Sprachlehrer ihre pädagogische Praxis mit Unterrichtsformen, die ihre Teilnehmer gezielt ansprechen und zudem die Möglichkeit bieten, die Fremdsprache auf eine lebendige und effiziente Weise zu vermitteln.

Verfahren für alle Sprachniveaus

Die Psychodramaturgie bietet eine kohärente Praxis an, die es ermöglicht, die Teilnehmer vom ersten Einstieg in die Fremdsprache bis zu einem fortgeschrittenen Kenntnisstand zu begleiten. Sie stellt eine breite Auswahl von Übungen und Techniken zur Verfügung, die dem jeweiligen Niveau der Teilnehmer und der Entwicklung der Gruppe angepasst sind. Sie beruht außerdem auf theoretischen Grundlagen, die ihrer Praxis einen Zusammenhalt geben und den Trainerinnen erlauben, gezielt und effektiv zu arbeiten.
Für jedes Niveau - vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen - bietet die Psychodramaturgie angemessene Verfahren, die in einer flexiblen Progression eingebettet sind.

Anfänger verfügen im Allgemeinen nach etwa vier bis sechs Wochen Intensivkurs, über eine Ausdrucksfähigkeit und Kommunikations-strategien, mit denen sie alltägliche Situationen sprachlich bewältigen können.

Für Fortgeschrittene werden zwei Orientierungen angeboten:

- eine allgemeine Orientierung für die Teilnehmer, die ihre Allgemeinkenntnisse in der Fremdsprache erweitern und vertiefen möchten, so dass sie besser kommunizieren oder die Presse oder Literatur der Zielsprache lesen können.

- eine spezifische Orientierung für die Teilnehmer, die präzise berufliche Situationen beherrschen möchten. Bei Teilnehmern mit guten Grundkenntnissen der Fremdsprache wird eine spezifische Kompetenz in der Fachsprache zur Beherrschung beruflicher Situationen normalerweise nach etwa sechzig Stunden (dies entspricht vier Wochenenden bzw. zwei Intensivwochen) erreicht.

Aufgrund der eingesetzten Verfahren ermöglicht die PDL eine größere Heterogenität in der Zusammensetzung der Gruppe, als dies im konventionellen Unterricht möglich ist. 

Die Grundorientierung der Psychodramaturgie: Eine Pädagogik des Seins

"Ich gehöre dieser Oppositionspartei,
die man das Leben nennt."
Honoré de Balzac

Die Psychodramaturgie Linguistique ist Teil einer Pädagogik des Seins, d.h. einer Pädagogik, die teilnehmer- und gruppenorientiert und damit subjektbezogen und prozessgerichtet ist. Sie stellt eine Pädagogik des Weges dar.
Somit unterscheidet sich die Psychodramaturgie in ihren Verfahren und in dem Umgang mit Teilnehmern grundlegend von einer Pädagogik des Habens, die auf das Vermitteln von Inhalten und auf das Erreichen von Zielen fokussiert ist, die in Abwesenheit der Gruppe festgelegt werden. Das Lehrwerk führt nicht nur zu einer Fremdbestimmung eines Großteils der sprachlichen Inhalte, sondern es prägt auch stark den Unterrichtsverlauf, die Kommunikations- und die Beziehungsformen im Unterricht.

Das Haben wird dem Sein untergeordnet.

Die folgende Tabelle stellt schematisch die konzeptionellen Unterschiede zwischen einer Pädagogik des Habens (konventioneller Unterricht), die auf die Vermittlung eines Wissens gerichtet ist, und einer Pädagogik des Seins, die zum Erwerb einer Kenntnis führt, dar:

Haben und Sein
Hinweis zum Schema:
In der Psychodramaturgie wird das Haben dem Sein und das Wissen der Kenntnis der Sprache untergeordnet. Die Kenntnis der Sprache, d.h. die direkte Erfahrung der Sprache in Relation (Beziehung) und Situation, hat Vorrang. Sie wird durch das Wissen über die Sprache unterstützt und bereichert. 

Eine Pädagogik, die Lernen und Leben als Einheit betrachtet 

Lernen ist ein Lebensprozess,
Leben ein fortwährender Lernprozess.

Leben und Pädagogik werden nicht künstlich aus didaktischen Gründen getrennt, sie bilden vielmehr eine Einheit. Die Pädagogik übt nicht nur die Beherrschung von Situationen in der Zukunft ein, sondern sie ist auch direkt Teil des Lebens der Teilnehmer und der Gruppe in der Gegenwart. Sie bereitet nicht nur auf ein potentielles Leben vor, sie ist Leben. Dieses Leben drückt sich direkt oder symbolisch auf einer realen oder imaginären Ebene aus.

Eine Pädagogik, die die zwei Ebenen des Erwerbs- und Lernprozesses berücksichtigt

Jedes pädagogische Handeln ist Teil des Lebens und beteiligt sich an der positiven oder negativen Gesamtentwicklung der Teilnehmer. Die Psychodramaturgie fördert nicht nur den Erwerb von sprachlichen und kulturellen Kenntnissen (Oberflächenziele), sondern auch die Entwicklung von Haltungen, Einstellungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten (Tiefenziele), die den Erwerb einer Fremdsprache erleichtern und zugleich zur Entwicklung des Individuums in seiner Gesamtheit beitragen.

Der Lernakt kann nicht vom Subjekt getrennt werden.

Der Erwerb der Fremdsprache trägt zum Individuationsprozess des Teilnehmers bei, der als Individuum in fortwährender Entwicklung, als Wesen im Werden betrachtet wird. Der Erwerbsprozess ermöglicht ihm über die angebotenen Übungen, er selbst in der Fremdsprache zu sein bzw. anders er selbst zu sein und damit seine Seinsmöglichkeiten zu erweitern. Er fördert die Entwicklung seiner Spontaneität und seiner Kreativität, ebenso wie zwei grundlegender Fähigkeiten, die zum Erwerb einer Fremdsprache unentbehrlich sind: die Aufnahmefähigkeit und die Ausdrucksfähigkeit. Die Entwicklung dieser Fähigkeiten fördert nicht nur den Spracherwerb, sie nimmt an diesem Erwerb direkt teil.

Wir haben diese doppelte Dimension des Spracherwerbs im folgenden Schema zusammengefasst:

 

Konzeption des Spracherwerb
 Anmerkung zum Schema:
Der lehrwerkzentrierte Unterricht konzentriert sich vorwiegend auf sprachliche und interkulturelle Ziele (Oberflächenziele - siehe oberer Teil des Schemas), insbesondere auf die Vermittlung der Strukturen und der Lexik der Fremdsprache bzw. der (inter-)kulturellen Inhalte.
Um diese Ziele zu erreichen, setzt die Sprachpsychodramaturgie auf einer tieferen Ebene an. Sie ist insbesondere auf die Entwicklung der Einstellungen, Haltungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgerichtet, die den Spracherwerb fördern (Tiefenziele - siehe unterer Teil der Skizze) und bezieht so die Entwicklung des Individuums in seiner Gesamtheit in ihre Konzeption ein.
Indem diese Fähigkeiten durch Übungen entwickelt werden, die den Ausdruck der Teilnehmer und die Kommunikation unter den Grunppenmitgliedern fördern, erwerben die Teilnehmer zugleich die Sprache. Sie erreichen die sprachlichen Ziele umso besser, da die Sprache durch die Personen getragen wird, die sie anwenden wird. Das Haben (hier die sprachlichen und inter/kulturelle Ziele) wird desto besser integriert, dass es in Resonanz mit dem Sein ist.

Eine psychodramatische Pädagogik

J. L. Moreno, der Gründer des Psychodramas, hat u.a. in den dreißiger Jahren das Rollenspiel entwickelt. Sein Einfluss auf die Pädagogik ist also nicht neu, auch wenn die pädagogische Umsetzung des Rollenspieles oft zu einer Verarmung des morenoschen Rollenspiels geführt hat.

Die Psychodramaturgie Linguistique beruht auf Grundkonzepten des Psychodramas: Die Begegnung, die Handlung, das Spiel und die schöpferische Spontaneität.

Die Begegnung ist eines der Grundthemen von J.L. Moreno. Der Titel eines seiner ersten Werke heißt: Einladung zu einer Begegnung (Wien: Anzengruber Verlag, 1914). In der Psychodramaturgie wird die Begegnung durch Aktivitäten erleichtert, die die Sprache an erster Stelle als Mittel zur direkten Begegnung unter den Teilnehmern (und nicht, wie im konventionellen Unterricht, hauptsächlich Ziel des Unterrichts) angewendet wird. Aus diesem Grunde bezeichnen wir die Psychodramaturgie als eine Pädagogik der Begegnung.

„Drama" bedeutet in seiner etymologischen Bedeutung "Handlung" . Die Teilnehmer erwerben die Fremdsprache durch Kommunikation in Aktion und Relation (Beziehung). Statt vorwiegend "über" etwas (Personen, Fakten, Informationen oder die Sprache) zu sprechen, sprechen sie sich "an". Die Reflexion begleitet die Handlung bzw. entsteht aus der Handlung oder propft sich auf sie auf.

Mit dem Konzept des Handelns ist das Konzept des Spieles verbunden. Das Spiel besitzt insbesondere aufgrund der Einbeziehung des Imaginären eine Schutzfunktion und eine stimulierende Funktion. Es ermöglicht in einem geschützten Rahmen neue Haltungen und neue Verhaltensweisen anzunehmen oder neue Wege auszuprobieren.

Der Aufbau der PDL-Übungen beruht unter anderem auf der morenoschen Konzeption der schöpferischen Spontaneität (cf. Moreno J.L.: Die Grundlagen der Soziometrie. Köln, Westdeutscher Verlag: 1967, 11-18, 437-444). Aufwärmübungen bereiten auf Hauptübungen vor, fördern die Spontaneität, aktivieren die Kreativität und stimulieren den Ausdruckswunsch der Teilnehmer. Gerade in der Einstiegsphase bieten die Zwischenübungen eine Alternanz zu den Einzelübungen und tragen zugleich zu der Entwicklung der notwendigen Fähigkeiten zum Erwerb einer Fremdsprache bei.

Der Leitungsstil der Gruppentrainerin ist auch durch die Funktion der Trainerin im morenoschen Psychodrama beeinflusst: die Trainerin hat eine strukturierende Funktion, sie schlägt eine Rahmenaktivität der Gruppe vor und passt sie je nach Verlauf der Gruppe an. Sie besitzt ebenso eine begleitende Funktion, indem sie die Teilnehmer in ihren Ausdruckswünschen unterstützt. Sie verbindet die Vertikalität der Leitungsfunktion mit der Horizontalität der Unterstützungs- und Begleitungsfunktion. Statt der hierarchischen Beziehung, die oft den traditionellen Unterricht prägt, entwickelt sie zu den Teilnehmern eine empathische Beziehung. 

Eine dramaturgische Pädagogik

Einige dramaturgische Prinzipien werden bei der Auswahl der Situationen, Themen bzw. Texte ebenso wie beim Aufbau der Übungen berücksichtigt:

Das Prinzip der dramaturgischen Kräfte : Die Begegnung von antagonistischen, differenzierenden bzw. unterstützenden Kräften tragen zur Dynamik der Situation bei.

Das Resonanzprinzip: Die Situation und die Thematik sprechen die Teilnehmer an.

Die Berücksichtigung der mikro-makrokosmischen Beziehungen: Die Beziehungen zwischen der Welt der dargestellten Situation in der Gruppe und der Außenwelt wird in manchen Situationen dramaturgisch in Betracht gezogen.

Die Psychodramaturgie greift auch auf bestimmte dramaturgische Ausdrucksformen (Forumtheater, Standbilder....) zurück, die aus der Tradition des spontanen Theaters bzw. aus der Schauspielerausbildung stammen.

Verschiebung 065
Die Untergruppen in "Dopplerposition" unterstützen
die vier Protagonisten, die parallel zwei Gespräche
führen ("Verschiebungstechnik")

Der Einsatz von neutralen Maske während der ersten vier Tage. Ihr Gebrauch kommt/stammt aus der Schauspielerausbildung. Die Masken haben bei der PDL unter anderem eine schützende Funktion und sie fördern die Konzentration und die Wahrnehmung der Stimme der Trainerin und der eigenen Stimme.

Die Psychodramaturgie eröffnet einen Zwischenraum (siehe D. W. Winnicott (1985): Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta), der symbolisch bedeutend für die Gruppe ist und den Teilnehmern ermöglicht, sich mit ihrer Realität und ihrer Imagination in der Verschiedenheit ihrer Persönlichkeit und in der Vielfalt ihrer Rollen zu begegnen. Dieser privilegierte Raum trägt zur Entwicklung des Imaginären bei und bietet zugleich den Teilnehmern einen Schutzraum.

 

Eine Pädagogik der Beziehung

Autonomie und Interdependenz.

Die Gruppenmitglieder werden als „Teilnehmer“ betrachtet, da sie einerseits an ihrem eigenen Erwerbsprozess teilnehmen, indem sie u.a. die Inhalte und den Verlauf der Handlung selbst bestimmen und da sie andererseits als Gruppenmitglieder an dem Gruppenleben teil-nehmen. Der Begriff Lerner oder Lernende wird nur in Zusammenhang mit dem konventionellen Unterricht von uns angewandt.
Durch den Unterrichtsprozess stehen die Teilnehmer in Beziehung zu sich selbst, zum anderen und zu den anderen, der Gruppe und zur Umwelt. Es geht nicht nur darum, zur Entwicklung ihrer Autonomie beizutragen, sondern auch ihren Sinn für Solidarität und Mitverantwortung zu entwickeln, d.h. die konstruktive Interdependenz jedes Individuums in einer Gruppe oder einer Gesellschaft berücksichtigen.

begegnung
Begegnung mit Unterstützung der Gruppe
 

Ein holistischer Ansatz

Die Psychodramaturgie wendet sich an den Teilnehmer auf einer physischen, affektiven, intellektuellen, sozialen und geistigen Ebene:

Der Körper wird in zahlreichen Übungen direkt beim Sprechen und beim Spracherwerb eingesetzt. Spezifische Bewegungen erleichtern die Wahrnehmung und die Produktion der charakteristischen Aussprache, Gedichte werden von Bewegungen begleitet, die bestimmte Aspekte der Fremdsprache hervorheben. Einige Aufwärmübungen fangen mit einer Körperhaltung bzw. mit Bewegungen an, bevor der verbale Ausdruck eingesetzt wird. Da die Kurse ohne Tische stattfinden, können die Teilnehmer ihre Distanz in der Gruppe selbst bestimmen. Auf diesem Weg wird auch dem Körper mehr Freiraum ermöglicht.

Die Affektivität : Da die Teilnehmer sich als Individuen mit ihren Wünschen, Bedürfnissen, Hoffnungen ausdrücken, begleitet und stimuliert die Affektivität automatisch ihren Ausdruck.

Der Intellekt begleitet fortwährend die Beobachtung und den direkten Erwerb der sprachlichen Prozesse, er wird bewusst in den Reflexionsphasen angesprochen.

Die soziale Dimension wird ebenso einbezogen, da eine große Anzahl von Übungen das eigene Zuhören und das des Anderen ebenso wie die Empathie und die Solidarität fördern. Andere begünstigen die Zusammenarbeit in den Gruppen und die gegenseitige Unterstützung der Teilnehmer..

Die geistige Dimension : Durch die symbolische Bedeutung einiger Aktivitäten und die Einbeziehung der imaginären Welt werden bei den Teilnehmern und Trainerinnen ihre Weltanschauung, ihr Menschenbild, ihre Vorstellung des Lebens, ihre Kommunikations- und Beziehungsformen angesprochen.

Diese fünf Ebenen beeinflussen sich gegenseitig und stehen in einer Wechselbeziehung zueinander.

Ein individueller Erwerbsprozess in einer Gruppe

Wenn wir den Rhythmus der Teilnehmer respektieren,
kommen sie am besten voran.

Die Psychodramaturgie beruht auf einer Konzeption des Menschen als einzigartigem Wesen, das sich in einem fortwährenden dynamischen Entwicklungsprozess befindet.
Wenn jeder Mensch als einzigartig betrachtet wird, dann bedeutet dies, dass beim Erwerb einer Fremdsprache Verfahren eingesetzt werden müssen, bei denen jeder Teilnehmer seinem Weg und seinem eigenen Erwerbsrhythmus folgen kann. Dies bedeutet, dass keine Uniformisierung der Lernergebnisse erwartet wird.

Jeder ist seine eigene Referenz.

Jeder Erwerbsprozess ist an erster Stelle ein individueller Prozess. Die Psychodramaturgie berücksichtigt diesen Aspekt, indem ihre Verfahren sich auf den unterschiedlichen Kenntnisstand und den persönlichen Lernrhythmus der Teilnehmer einstellen. Dadurch wird ihr Lernfortschritt individuell gefördert.

Die Psychodramaturgie ist zugleich gruppenorientiert. Nach der individuell ausgerichteten Arbeit der ersten vier Tage, bei der jeder Einzelne in die Fremdsprache eingeführt wird, folgt die PDL unter anderem einer relationellen Progression. Wir gehen vom Monolog zum Dialog über, es werden immer mehr Teilnehmer direkt in den Erwerbsprozess beteiligt. Die Protagonisten werden sowohl von der Trainerin als auch immer mehr von den anderen Gruppenmitgliedern unterstützt, so dass die PDL nicht nur die Autonomie, sondern auch die Interdependenz und Solidarität trainiert. Unterschiede im Kenntnisstand werden positiv genutzt.

Welche Vorteile bietet die Psychodramaturgie?

Da wir seit mehr als dreißig Jahre mit der Psychodramaturgie arbeiten, halten wir es für nützlich, einige Vorteile dieses Ansatzes hervorzuheben, die unsere pädagogische Wahlt bestimmt haben:

  • Die Teilnehmer können sich die Fremdsprache besser aneignen, da sie erlebt wird (statt vorwiegend gelernt zu werden) und da sie ihren Bedürfnissen, Wünschen, Interessen, Gedanken und Ausdruckserwartungen entspricht. Sie nehmen direkt am Entstehungsprozess der Sprache in der Gruppe teil, was ihre Beziehung zur Fremdsprache verstärkt.
  • Die Fremdsprache wird personalisiert und lebendiger, da sie als Mittel zum Ausdruck, zur Kommunikation und zur Beziehung unter den Teilnehmern angewendet wird (statt vorwiegend Ziel des Unterrichts zu sein). Ihr Gebrauch gewinnt somit an Authentizität.
  • Die Einheit zwischen den Sprechern und ihren Aussagen erhöht das Interesse der Teilnehmer an dem, was in der Gruppe ausgetauscht wird. Das gegenseitige Zuhören (wir hören besser zu, wenn wir nicht wissen, was kommt), das Behalten (wir behalten besser, was uns anspricht), und die Motivation (die Lust, die Fremdsprache besser zu beherrschen, wächst) erhöhen sich. Die zweite Verfremdung (siehe oben) wird zugleich reduziert bzw. aufgehoben.
  • Da die Sprache den Ausdruckserwartungen der Teilnehmer entspricht, werden die neuen Sprachkenntnisse besser behalten und integriert.
  • Die Aktivitäten wecken ein doppeltes Interesse und zwar nicht nur ein Interesse an dem Erlernen der Sprache, sondern auch ein persönliches Interesse, was die Motivation erhöht.
  • Der Ausdruckswunsch der Teilnehmer wird durch die eingesetzten Aktivitäten stimuliert, was zur Dynamik der Gruppe beiträgt.
  • Bestimmte Einstellungen, Haltungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zum Erwerb und zum Lernen einer Fremdsprache notwendig sind, werden durch spezifische Übungen weiter entwickelt. Der Erwerbsprozess wird dadurch erleichtert.
  • Die Spontaneität und Kreativität der Teilnehmer wird verstärkt. Sie lernen die Fremdsprache flexibel anzuwenden und entwickeln oft einen spielerischen Kontakt mit ihr.
  • Die Kommunikationsfähigkeiten der Teilnehmer werden durch die Vielfalt der eingesetzten Verfahren verstärkt.
  • Die Techniken der verbalen Sequenz, der Aufladung und der Wiederaufnahme fördern einen vielfältigen Umgang mit der Sprache und die Flüssigkeit beim Sprechen.
  • Die Sensibilisierung der Teilnehmer für die prosodischen und lautlichen Eigenarten der Fremdsprache führt zu einer "Ent-fremdung" dieser Sprache. Die Sprechhemmungen werden reduziert und die Kommunikation wird erleichtert. Die Teilnehmer können in Resonanz mit der Sprache treten und sie dadurch auf lebendige Weise erfassen. Die erste Verfremdung (siehe oben) wird reduziert.
  • Eine große Anzahl der PDL-Übungen führen zu einer positiven Beziehung zur Sprache, was die Lernbarrieren reduziert. Die Teilnehmer können Genuss und Lust empfinden, diese Sprache zu sprechen und sich in der Sprache zu Hause fühlen.
  • Das Selbstvertrauen der Teilnehmer und ihre Risikobereitschaft, sich in die Fremdsprache hineinzuwagen, wachsen aufgrund der Atmosphäre, die in den Kursen herrscht, aufgrund der empathischen Beziehung, die die Trainerin mit ihnen herstellt, ihrer begleitenden Unterstützungsfunktion, ihrer Haltung dem Irrtum gegenüber, des Respekts des eigenen Rhythmus jedes Teilnehmers und aufgrund des Kooperationsgeistes, der sich in den Gruppen entwickelt.
  • Eine aufmerksame Beziehung entwickelt sich im Allgemeinen unter den Teilnehmern, denn sie können sich über die Fremdsprache begegnen. Zudem ermöglichen die Aktivitäten, die das Imaginäre einbeziehen, andere Kontaktformen untereinander zu entwickeln.
  • Da die Sprache durch eigenen Ausdruck und direkte Kommunikation erworben wird, wird ihr Gebrauch außerhalb des Klassenzimmers erleichtert, denn es gibt eine gewisse Übereinstimmung zwischen ihrer Anwendung bzw. ihrer Funktion beim Erwerbsprozess und außerhalb. Es entsteht, was in den Neurowissenschaften als Kontexteffekt bezeichnet wird.

Ein Fremdsprachenansatz in ständiger Entwicklung

"Work in progress."
James Joyce

In Einklang mit den theoretischen Grundlagen der Psychodramaturgie werden fortwährend neue Übungen entwickelt, neue Verfahren entdeckt und neue Erkenntnisse gewonnen. Die Ausbildung von TrainerInnen wird ständig verbessert, um den Ansprüchen der Praxis zu entsprechen. Die Anwendungsfelder der PDL erweitern sich dank des Engagements einiger TrainerInnen. Ursprünglich für Erwachsene konzipiert, wird sie jetzt mit Jugendlichen und mit Kindern angewandt. Sie war für Gruppen entwickelt worden und sie wird immer mehr im Einzelunterricht (Monodramaturgie) eingesetzt.

Nach einer langen Phase der Entwicklung findet die PDL immer mehr Resonanz und wird in verschiedenen europäischen Ländern, bspw. Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, der Schweiz... verwendet, wo sie sich mehr und mehr verbreitet.

PDL-Trainer haben 2007 haben einen PDL-Verband gegründet, der sich um die Verbreitung der Psychodramaturgie kümmert und über die Ausbildungen zur PDL-TrainerIn und Kurse mit der PDL informiert. In November 2008 organisierte der Verband den ersten PDL-Kongress in Mainz.

Die Psychodramaturgie Linguistique ist zugleich eine fortwährende Herausforderung, denn sie bietet ein großes Potential an Entfaltungsmöglichkeiten und sie ist zugleich eine kontinuierliche Einladung die anderen Ufer der Pädagogik zu erkunden.

Link

Weitere Hinweise zu den Grundlagen der PDL finden Sie auf dieser Homepage:

Grundhypothesen der PDL

Die Quellen der PDL

Um die Praxis der PDL besser zu verstehen, verweisen wir auf die Beschreibung einiger Etappen eines Sprachkurses unter

Kursverlauf

Für eine Vertiefung der Grundlagen und der Praxis der PDL empfehlen wir das Referenzbuch der Psychodramaturgie :

Wege zu einer Pädagogik des Seins



© Dufeu Bernard, 2001
Letzte Veränderung : 22.05.2011